Die Anomalie

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Endphase
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Die Anomalie

Beitrag von Endphase » Donnerstag 16. Januar 2020, 14:33

Und nun der zweite Streich. Eigentlich wollte ich eine pornographische Liebesgeschichte schreiben, aber aus Gründen die ich mir nicht so recht erklären kann habe ich dafür kein Händchen. Also bleibe ich im Bereich der Phantastik, ok, das ist für mich Porno und Liebe auch, aber ich denke Ihr wisst was ich meine. Das ist mein zweiter Text, also Nachsicht wenn die literarische Qualität im Milli-Fitzek Bereich liegt.

Die Anomalie.

Zunächst möchte ich klar stellen warum ich dies schreibe: Ich möchte euch nicht vor der Anomalie warnen, bei Gott, ich weiß das ist sinnlos. Es ist als würde man jemanden der sich entschieden hat Heroin auszuprobieren anflehen es nicht zu tun. Du bettelst, flehst, schreist ihn an und er sagt er hat es im Griff, er will nur wissen wie es sich anfühlt, dieses eine Mal.

Und drei Jahre später krepiert er in der Gosse, in der eigenen Scheiße liegend zum Skelett abgemagert. Die Anomalie ist schlimmer als Heroin, sehr viel schlimmer.

Ich schreibe das, weil ich wohl der Letzte lebende Mensch bin der die Wahrheit kennt, der weiß wie die Anomalie wirklich in unsere Welt kam.

Beiträge über die Anomalie findet man nur in den hintersten Winkeln des Internets, auch da werden sie oft binnen Minuten gelöscht, doch für jede gelöschte wilde Spekulation erscheinen zwei neue, obskure Theorien, eine Verschwörung der Regierung, aller Regierungen, Außerirdische...

Doch wie so oft, die Wahrheit ist viel profaner.

Kaum zu glauben, es ist erst 5 Jahre her als meine Welt einstürzte und der Abgrund sich öffnete.
Ein gewöhnliches Wochenende, ich war zu dem Zeitpunkt noch Student, meine damalige Freundin war bei ihrem Bruder in Hamburg zu Besuch und mich verschlug es an diesen unseligen Samstag auf eine Studentenparty. Da standen wir nun bei einem Bier zusammen, MINT-Studenten die sich über Nerd Themen unterhielten, über Nerd Witze lachten, da betrat Geoffrey die Bühne.

Nun, sein Name war nicht wirklich Geoffrey, ich nenne ihn hier so, rückblickend wäre wohl der Begriff „Patient Null“ passender.

Ich kenne und verabscheue ihn aus der Zeit, in der wir zusammen in einer WG wohnten.
Er war Sohn einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters, für Menschen wie ihn hat man wohl den Begriff Lebenskünstler erfunden. Ein Student der Kunstgeschichte, mäßig am Studium und Zeitgeschehen interessiert, erfüllt von einem maßlosen aber durch nichts begründetes Selbstbewusstsein, charismatisch, stinkfaul, die Art Mensch der immer wieder auf die Füße fällt und mit einem blöden Spruch und einem schiefen Grinsen jede ins Bett kriegt und für den das Leben eine einzige große Party ist, kurzum: Ich hasste ihn von Herzen.

Wenn ich jetzt sage er betritt die Bühne, so darf man das ruhig wörtlich nehmen: Sofort stand er im Mittelpunkt der Szene, alle Augen waren auf ihn gerichtet. „Ich habe da etwas absolut sensationelles“ sagte er und holte mit großer Geste ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Jackentasche. „Wir spielen jetzt ein Spiel. Ich zeige euch ein Bild, ihr seht es aufmerksam 10 Sekunden lang an, merkt euch jedes Detail "

Nun entfaltete er das Papierbündel, es waren vier Ausdrucke DIN A3 mit Klebeband zu einem Poster zusammengefügt, so simpel kann das Tor zur Hölle sein.

Ich weiß viele von euch, allzu viele, haben die Anomalie schon gesehen, die anderen haben schon Beschreibungen davon gehört oder gelesen, zugeflüstert oder im Netz gesehen, ganz egal wie schnell sie gelöscht werden.

Harmloser kann das Ende der Welt nicht daherkommen: Eine simple Landschaftsfotografie, ein abgeerntetes Getreidefeld unter einer dunkelgrauen niedrigen Wolkendecke. Am rechten Bildrand kauert ein verkrüppelter Busch, am linken Bildrand liegt ein uraltes, verrostetes Kinderdreirad halb im Dreck verdeckt. Und in der Mitte.... Oh ja, Das Problem liegt in der Mitte...

Dann faltete er das Papier wieder zusammen und mit mir beginnend stellte er uns allen die selbe Frage: „ was ist in der Mitte des Bildes ? Er kam gleich zum Punkt.

Nun, blöde Frage. Eine Schaukel für Kinder. Ein blau lackierter Eisenrahmen, an glänzenden Ketten hingen zwei Schaukeln mit leuchtend roten Schalensitzen aus Plastik, so meine Antwort.

Ungläubiges Grinsen, großes Geraune, Blödsinn, ein Baum, nein ein Traktor mit einem Landwirt mit einem albernen Hut auf dem Fahrersitz, nein ein Schäferhund, ein Felsen, ein Reh, ein Kind mit Zahnlücke und einem Fußball unter dem Arm....

Erst dachten wir alle das ist ein bizarrer Scherz, dann wurde es uns klar, das wirklich jeder etwas anderes gesehen hat. Was für ein cooler und aufregender Zaubertrick... so dumm und naiv waren wir damals.

Und Geoffrey zeigte sein umwerfendes Lächeln und meinte: „Und nun passt auf, jetzt wird es wirklich abgefahren“

Und da hat er nicht zu viel versprochen...

„Also passt auf, es ist ganz einfach: Ich hänge das Bild an die Wand, ihr schaut hin, ihr schaut GENAU hin, ihr dürft weder blinzeln noch wegschauen“

Und das haben wir dann getan an dem Tag an dem ich das letzte mal nicht schreiend aufgewacht bin.

Er befestigte mit Klebeband das Bild an der Wand und wir starrten es an. Mein Zeitgefühl ging mir verloren, ich weiß nicht ob es eine Minute war, Fünf oder Zehn....
Ich weiß viele haben seither versucht es in Worte zu fassen, etwas das man nicht beschreiben kann.
Ich starrte auf die Schaukel, und dann... ich weiß nicht, in Ermangelung eines besseren Begriffes nenne ich es „Fluktuationen“

Winzige, subtile Änderungen, erst unter der Wahrnehmungsgrenze, seltsam verstörend, dann immer deutlicher: Das Grün des Eisenrahmens änderte sich. Moment.. der war doch blau, dann die rostigen Ketten... Rost? Die waren doch Fabrikneu, dann aus dem Nichts ploppte die Farbe des Sitzes von rot zu gelb und dann... dann wurde es mir klar: Ich sehe nicht was WIRKLICH auf dem Bild ist, da ist keine Schaukel, das ist... ja was?

Und da begann die Angst. Angst ist ein zu kleines Wort dafür. Wie soll ich meine Gefühle beschreiben ? Ich kann es nur mit einem Erlebnis vergleichen das schon Jahre zurückliegt.
Ich lief spät in der Nacht nach Hause und kam am Grundstück eines heruntergekommenen Schrottplatzes vorbei, ein verwahrlostes Grundstück von einem Maschendrahtzaun umgeben. Ich war in Gedanken und achtete nicht auf meine Umgebung. Und dann sprangen drei riesige Rottweiler gegen die andere Seite des Zaunes, Geifer spritzte von ihren Fängen, in ihren Augen loderte nur Zorn und die Lust am Töten. Mein Herzschlag setzte einige Schläge aus, wären ihre rasenden Versuche über den Zaun zu kommen vom Erfolg gekrönt worden hätten sie mich zerfetzt. Die Angst die mich da erfüllte stammt nicht aus den höheren Hirnregionen, sie lag tiefer, in primitiven Hirnregionen, in den Eingeweiden, eine Erinnerung aus längst vergangener Zeit als unsere Vorfahren noch Beute waren.
Und diese Angst tobte wieder in mir, zehnfach stärker noch, aber ich konnte nicht wegschauen, ich wollte es sehen...

Was das Ganze beendete war die Frau neben mir, sie konnte es nicht mehr ertragen und musste sich übergeben, man kann es nicht beschönigen: Sie kotzte auf den Boden und der Rest von uns erwachte wie aus einer Trance. Erst da realisierte ich das ich in kaltem Schweiß gebadet war.

Ich war komplett fertig, irgendwie fehlt mir dann eine Stunde meiner Erinnerung. Ich weiß nur das ich mich irgendwann auf dem Balkon wiederfand, ich zitterte wie Espenlaub und klammerte mich an mein Bier wie ein Ertrinkender an eine Planke. Und da lief mir Geoffrey über den Weg.

Meine Augen waren eine einzige große Frage und die Antwort sprudelte aus ihm heraus:

Wie es für ihn typisch ist hat er einen Nebenjob gefunden wo es für wenig Arbeit gutes Geld gibt. Er hat bei einem start up Unternehmen angeheuert, einer Firma die Computergestützte Bildanalysen entwickelt. Neuronale Netze sollten Bilder analysieren und wie ein Mensch Muster erkennen, ähnlich aber viel ausgefeilter als die Gesichtserkennungssoftware einer Handykamera.

Allerdings hat diese Software ein Problem. Anomalien. Bei den allermeisten der Bilder sieht der Computer das selbe wie ein Mensch. Die restlichen wenigen, nun da versagt die Software.. so dachten die Entwickler zunächst. Sein Job war es diese Anomalien anzusehen und zu beschreiben, bis den Programmierern ein Licht aufging.... Nicht der Computer versagt, sondern das Gehirn. Wie sein Chef es formulierte: „ Unser Gehirn zensiert die Wirklichkeit, gewisse Dinge können oder WOLLEN wir nicht sehen...“

So kam das Grauen in die Welt, keine Verschwörung, keine Außerirdische, ein start up Unternehmen im schwäbischen, längst alle tot, die eine Bildverarbeitungssoftware entwickeln wollten, ein Schnappschuss eines unbekannten Amateurfotografen.

Muss ich erzählen wie es weiter geht ? Die Art Geschichte habt ihr tausendmal gehört, unter der Hand, ins Ohr geflüstert, auf gut versteckten Webseiten wie dieser, weil es euren Freunden und Verwanden passiert ist.

Drei Monate später rief Geoffreys Schwester meine Freundin an, die beiden kennen sich schon seit Kindertagen. Er sei völlig fertig, im Wahn gefangen und will keine Hilfe annehmen und nicht zum Arzt gehen. Du studierst doch Psychologie, kannst du dir das nicht mal ansehen ?

Wir fuhren dann in den heruntergekommenen Teil der Stadt wo er sich in eine Einzimmerwohnung zurückgezogen hatte. Das Treppenhaus hinauf, die Art von Wohnblock wo man mumifizierte Rentner lange nach ihren Tod findet wenn es irgendwann jemanden dämmert das es nicht normal ist, wenn ein Briefkasten drei Jahre lang nicht geleert wird.

Aus seiner Wohnung dröhnte ein ohrenbetäubender Lärm, geistloses Metalgedröhne, mißhandelte Gitarren und heißeres Geschrei in einer Endlosschleife. Nachdem wir endlos an die Tür gehämmert hatten öffnete er.

Ich mochte ihn wirklich nicht, aber sein Anblick erfüllte mich mit Entsetzen. Kreidebleich, fettige Haare, fiebrig glänzende Augen, sein verdrecktes T-Shirt hatte er wohl seit Wochen nicht mehr gewechselt, er stank nach Schweiß und Alkohol. Soweit man es erkennen konnte war seine Wohnung völlig verwahrlost, Dreck, leere Wodkaflaschen, Essensreste. Viel sah man nicht, alle Jalousien waren unten, eine gedimmte Funzel erhellte das Ganze kaum.

Wir traten ein, er verriegelte sofort die Tür. Uns wurde gleich klar, er war panisch obwohl er sturzbetrunken war, jeder Versuch eines Gesprächs scheiterte am infernalischen Lärm.

Dann ging seine Schwester zur Stereoanlage, schaltete sie aus, dann machte sie das Licht an.
Und er sprang auf, wie von der Tarantel gestochen, brüllte wie von Sinnen den Satz den ich damals das erste mal hörte... und der seitdem so oft gebrüllt, geschrien, geflüstert gestöhnt oder mit dem Blut aus einer geöffneten Pulsader an die Wand geschrieben wurde:

„WENN ICH SIE SEHE KÖNNEN SIE MICH SEHEN UND WENN ICH SIE HÖRE KÖNNEN SIE MICH HÖREN“

Wir waren wie vom Donner gerührt und wehrten uns nicht als er uns aus der Wohnung schmiss.

Eine Woche später hat ihn seine Schwester als vermisst gemeldet, verschwunden aus einer abgeschlossenen Wohnung, den Kleiderschrank vor die Tür geschoben...

Damals stand das noch in der Zeitung, wie gesagt, das ist 5 Jahre her, heute wird in diesen Fällen keine Fragen gestellt und schnell und diskret die Akte geschlossen, aber er war wohl einer der ersten den es erwischt hat....

Wie gesagt, ich wollte euch nur die Wahrheit erzählen so lange ich noch dazu in der Lage bin.
Ich versuche nicht euch zur Vernunft zu bringen. Aller Zensur zum Trotz sickert diese Bilddatei immer wieder aus den Tiefen des Darknets. Immer dann wenn man denkt der Spuk ist vorbei, beginnt es von neuem. Dann taucht sie auf: variablesWeizenfeld.jpg oder busch+dreirad+?.jpg

Ich habe sie auf meinem PC, wie so viele von euch. Ich habe auch jene 5 Minuten lange Audiodatei die weit nach Mitternacht im Tresorraum einer Bank in Südkorea aufgenommen wurde.
Da kann nichts sein, aber jede Audiosoftware sagt da ist etwas. Und man hört nichts beim ersten mal hören. Auch beim zweiten mal nicht. Aber beim dritten oder vierten mal, dieses leise, zunächst sehr leise Flüstern. Lauter und deutlicher bei jedem abspielen, bis man beginnt zu ahnen was SIE von dir wollen und du kannst nicht weghören obwohl dir das Blut in den Adern gefriert....


Ich werde es euch nicht ausreden. Auch ich spüre diesen Sog, stärker werdend Tag für Tag.

Ich will diese Bilddatei öffnen, auf die Schaukel starren, will sehen was WIRKLICH auf diesem Bild ist. Ich will den Punkt erreichen wo nur noch panische Angst dich erfüllt, bis du dir sprichwörtlich in die Hose machst, wo nur noch Panik dich ausfüllt, ich will über diesen Punkt hinaus, ich will es sehen, wirklich SEHEN obwohl ich den Preis kenne....
Menschen mögen mich nicht. Tiere mögen mich nicht. Pflanzen mögen mich nicht. Zum Glück habe ich ja meinen Kuschelstein.

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Re: Die Anomalie

Beitrag von Zigg » Donnerstag 16. Januar 2020, 18:38

Wow. 👍
Sehr fesselnd und bildlich geschrieben.
Du hast echt Talent. 😊
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Re: Die Anomalie

Beitrag von Calliandra » Freitag 17. Januar 2020, 00:27

Puh! Harter Tobak. Aber wirklich interessante Ideen und spannend geschrieben.

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Re: Die Anomalie

Beitrag von Silvina » Samstag 18. Januar 2020, 18:02

Mehr davon! :) :daumen:
Manchmal muss man das Chaos nur ein bisschen schütteln, und es wird ein Wunder draus.

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Re: Die Anomalie

Beitrag von Strange Lady » Sonntag 19. Januar 2020, 13:17

:daumen:
Cool, erinnert ein wenig an Edgar A Poe.
“Happiness is like a butterfly: The more you chase it, the more it will elude you. But if you turn your attention to other things, it will come and sit quietly on your shoulder.”
Henry David Thoreau

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Re: Die Anomalie

Beitrag von Brax » Sonntag 19. Januar 2020, 14:11

Iih, wie gruselig! :surprise:

Dein Text ist auch wie das Bild, den kann man auch nicht aufhören zu lesen, obwohl einem das Blut in den Adern gefriert. :schwitzen:

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