Der alberne Mann

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Der alberne Mann

Beitrag von Endphase » Donnerstag 16. Januar 2020, 10:15

Also ich bitte erst mal kurz um Nachsicht, mit meinen 53 Lenzen habe ich bisher nie irgendeinen Text verfasst und mein Erstversuch dürfte einen professionellen Lektor dazu bringen sich die Haare zu raufen und anschließend eine Textmarker- und Edding-Orgie zu starten. Aber egal, es hat Spaß gemacht den Text zu schreiben und hier ist er:

Der alberne Mann.

Es gibt Bilder, die haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben, die hat jeder von uns im Kopf:

Ein brennendes Luftschiff das vom Himmel stürzt. Ein nacktes Mädchen das weinend vor der Napalmhölle davonläuft, lebende Skelette, mit Haut überzogen, in gestreifter Häftlingskleidung.

Eines dieser Bilder ist noch recht neu: Ein Krater, Reste von Mauern, Stahlträger die wie Strohhalme geknickt wurden, alles was von einer mittelständischen Chemiefabrik übrig blieb, 108 Leben wurden in einer Sekunde ausgelöscht, das Bild war auf allen Titelblättern.

Kaum bekannt ist das Bild auf dem ich den albernen Mann das erste mal sah.
Es wurde fast von der selben Stelle und dem selben Winkel aufgenommen, zwei Wochen vorher.

Es war das 75 Jährige Firmenjubiläum, altmodisch in Szene gesetzt, die gesamte Belegschaft posierte vor der Produktionshalle, vom Chef bis zum Lageristen.

Und am Rande des Bildes, der alberne Mann. Abseits von allen, von niemanden bemerkt, als gehöre er nicht dazu. Eine Witzfigur. Klein und dicklich, plumpe Gesichtszüge, ein dümmlich aussehender Mann in den mittleren Jahren, bekleidet mit einem schreiend bunten Polyesteranzug, es war schwer zu sagen was lächerlicher aussah: Seine gepunktete Fliege oder das quer über den Kopf gekämmte Resthaar seiner Halbglatze, albern, ein Clown, er sah aus wie ein mäßig komischer Nebendarsteller aus einer Komödie mit sehr beschränkten Budget. Und er lächelte.

Das zweite mal als ich ihn sah, war es auf einem der wenigen Bilder auf dem er nicht direkt in die Kamera blickt. Auch hier eine Randfigur, alleine, von niemanden wahrgenommen.

Die Kamera konzentrierte sich auf den Prominenten der mit einer goldenen Schere ein Band durchschnitt, Menschen in formeller Kleidung applaudierten, im Hintergrund die beiden Röhren des gerade eingeweihten Autobahntunnels. Sie boten nicht den Anblick der sich später in das kollektive Gedächtnis einbrennen sollte: Kein Rußschwarzer Blick in den Abgrund sondern jungfräulich grauer Beton.

Den albernen Mann sieht man nur im Halbprofil. Kein Anzug sondern ein grellbuntes Hawaiihemd spannte sich über seinen Bauch, seine kalkweißen Beine lugten aus einer kurzen Hose, weiße Tennissocken und Sandalen komplettierten das lächerliche Gesamtbild.

Natürlich hat er gelächelt.

Zwei Tage später raste ein übermüdeter Fahrer eines Sattelschleppers in das Stauende mitten im Tunnel, direkt auf einen Tankwagen mit Flüssiggas. Für fast 600 Menschen wurde dieser Tunnel eine Todesfalle, eine Flammenhölle der niemand entkam.

Seit dem suche und sammele ich Bilder des albernen Mannes, im Lauf der Jahre wurde es zu einer Obsession. Und ich wurde fündig.

Ich gehe gerade meine Sammlung durch, aktuelle Aufnahmen aus dem Zeitalter der Digitalfotografie, ausgebleichte uralte schwarz weiß Aufnahmen die ursprünglich auf archaischen Fotoplatten belichtet wurden und alles dazwischen.
Er hat immer das selbe Alter, ist immer ein peinlicher, armseliger Anblick: unpassend und geschmacklos gekleidet, und wie schon gesagt: Albern, eine Witzfigur, immer bestens gelaunt.

Man sieht ihn an einem Hafen in Irland, 1912, mit einem breiten Grinsen auf seinem idiotischen Gesicht ganz am Rande des Bildes das dominiert wird von dem gewaltigen Passagierschiff das zu seiner Jungfernfahrt ausläuft.

Oder 1986 in einem Stadtpark in Prypjat, in einer unförmigen Jogginghose, natürlich von niemanden beachtet, strahlend vor Freude.

1914 in Köln, im Vordergrund marschieren die Soldaten an der Kamera vorbei, siegessicher, in drei Wochen sind sie wieder daheim, als gefeierte Helden... und er im Hintergrund, in diesem an einem erwachsenen Mann unfassbar bescheuert aussehenden viel zu kleinen Matrosenanzug, er hält sich den Bauch vor Lachen.

1984 in einem indischen Slum, das einzige Bild wo er nicht am Rand steht sondern in der Mitte. Er trägt geschmacklose Freizeitkleidung, ein beseeltes Lächeln ist auf seinem Mondgesicht, eigentlich müsste er es sein der Angst hat an diesem Ort, aber die Kinder sind es die sich an den Rand des Fotos drängen, es sind wohl die Kinder die ihn wirklich sehen können, mit Entsetzen in ihren Gesichtern...

Ich greife jetzt zu den drei letzten Bildern aus meiner Sammlung.

Ein Farbfoto aus einer Zeit wo das noch etwas ganz besonderes war.
Er ist wie so häufig ganz am Rand, von allen anderen isoliert. Er trägt eine verschlissene hellblaue Hausmeisteruniform und grinst idiotisch in die Kamera, alle anderen schauen ernst drein.
Ich erkenne General Groves und Robert Oppenheimer, den Rest muss ich googeln, Enrico Fermi, Edward Teller und andere, über ihn oder es oder was auch immer dieses Ding ist finde ich wie jedes Mal nichts. Ich kann die Aufnahme nicht genau datieren, es war aber sicher nach dem Trinity-Test und vor Hiroshima.

Das nächste Bild ist schwarz weiß, natürlich. Es ist nicht das berühmte Bild das jeder aus Geschichtsbüchern kennt. Es ist eine nahezu unbekannte Aufnahme aus einer sehr ungünstigen Kameraposition. Hitler sieht man nur von hinten, auch Hindenburg ist kaum zu erkennen. Aber IHN sieht man sehr gut, näher an der Kamera als auf allen Bildern bisher. Sein Anzug ist für einen sehr viel schlankeren und sehr viel größeren Mann geschneidert. Sein feister Körper sprengt fast die Nähte, Ärmel und Hosenbeine sind viel zu lang, der schiefe Strohhut auf seinem Kopf ist... ja albern. Aber darauf achtet man gar nicht, zum ersten Mal sieht man seine Augen. In ihnen ist keine Spur von Intelligenz oder Mitgefühl, aber eine riesige Vorfreude auf die Dinge die kommen werden. Sein Gesichtsausdruck ist der eines Mannes, der den besten Witz aller Zeiten gehört hat, ein einziges strahlendes Lächeln.

Und nun der letzte Ausdruck. Es ist das jüngste Foto des albernen Mannes das ich besitze.

Wieder hat er sich unbemerkt in das Bild geschlichen. Man sieht nur seinen Kopf der von links schräg in die Szene ragt. Seine wenigen Haare stehen wild in alle Richtungen, seine Augen sind die eines Kindes das sich anschickt einen Mount Everest aus Weihnachtsgeschenken auszupacken.
Sein irres Grinsen sprengt buchstäblich die Grenzen der menschlichen Anatomie, es reicht von Ohr zu Ohr und zeigt zu viele und zu spitze Zähne.

Sein Abbild ist gestochen scharf, man erkennt jedes Detail, jede winzige Pore.
Eigentlich ist das unmöglich, ich selbst bin unscharf und verwackelt auf diesem Selfie von heute morgen.
Menschen mögen mich nicht. Tiere mögen mich nicht. Pflanzen mögen mich nicht. Zum Glück habe ich ja meinen Kuschelstein.

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Re: Der alberne Mann

Beitrag von Ninja Turtle » Donnerstag 16. Januar 2020, 12:25

Schön geschrieben. Jetzt fehlen nur noch die Bilder. :mrgreen: :foto:
:kopfhoerer: :tanzen2: :umarmung2:

Die SHG-Frankfurt trifft sich jeden 1. und 3. Freitag im Monat. (Dann besaufen wir uns und feiern wilde Sexorgien. Man kann aber auch nur zugucken.) :mrgreen:

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Re: Der alberne Mann

Beitrag von Don Rosa » Donnerstag 16. Januar 2020, 13:09

Endphase hat geschrieben:
Donnerstag 16. Januar 2020, 10:15
Der alberne Mann.

Es gibt Bilder…
Erinnert mich an den Katastrophentouristen aus dem Film "Thrill Seekers – Zeitreise in die Katastrophe" von 1999.
Ich musste ein bisschen grübeln, auf welche Katastrophen du dich beziehst.
Doubt kills more dreams than failure ever will.

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