Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

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Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Optimistin » Donnerstag 2. August 2018, 11:43

Hallo Leute,

Mal ne Frage an diejenigen von euch, die schonmal Grundsicherung über einen längeren Zeitraum (so alles ab 1,5/2 Jahre) bezogen haben bzw. aktuell beziehen.
Wie seid ihr in diese Situation gekommen und wie geht ihr damit um? Gibt es Aussicht auf Wiedereingliederung in den 1. Arbeitsmarkt?
Was für Erfahrungen habt ihr mit dem Jobcenter gemacht?
Hat die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung Auswirkung auf eure Psyche? Hat es gar was mit eurem AB Status zu tun?

Hintergrund: Ich habe schon von einigen gelesen, dass sie für länger von staatlicher Unterstützung leben (müssen) - das würde ich gerne besser verstehen, bei Vollbeschäftigung, vielen unbesetzten Lehrstellen, großem Stellenmarkt in den Zeitungen, online Börsen von monster.de bis XING, Umschulungsmaßnahmen, Frührente bei Krankheit etc. Ich entdecke die Tendenz an mir "Schublade auf, Meinung raus", was den individuellen Verhältnissen sicher nicht gerecht wird. Darum möchte ich von euch Betroffenen hören, um nicht in der eigenen Meinung stecken zu bleiben.

Ich hab selber Mal für 7 Monate Hartz4 bekommen, als ich mit dem Studium fertig und auf Jobsuche war. Die Besuche beim Jobcenter waren demütigend und ich hab gejubelt, als ich Arbeit gefunden hatte, nach viel Einsatz und Mühe.
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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 2. August 2018, 11:49

Wo haben wir denn Vollbeschäftigung? :shock:
Es ist möglich keine Fehler zu machen und trotzdem zu verlieren. Das ist keine Schwäche, das ist das Leben.

Früher habe ich mich darüber geärgert, dass das Leben nicht fair ist. Dann habe ich erkannt, dass es noch viel schlimmer wäre, wenn das Leben fair wäre.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Optimistin » Donnerstag 2. August 2018, 12:13

Rein faktisch haben wir mit durchschnittlich 3,5% Arbeitslosenquote die 2% Grenze, ab der man per Definition von Vollbeschäftigung reden kann, noch nicht erreicht. Im europäischen Vergleich sind wir aber nahe dran.

Ich möchte hier keine Diskussion über Definitionen oder den deutschen Arbeitsmarkt an sich aufmachen - hier soll es um konkrete Menschen und ihre Erlebnisse gehen.
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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Endura » Donnerstag 2. August 2018, 12:24

Optimistin hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 11:43
Hat die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung Auswirkung auf eure Psyche? Hat es gar was mit eurem AB Status zu tun?
Ich hatte während des Studiums mal eine Phase, wo ich weder Studentenbeihilfe bekam noch einen bezahlten Job hatte, aber trotzdem fixe Ausgaben hatte. Krankenversichert war ich nur, weil mir meine Mutter die Selbstversicherung zahlte. Das war schon schwierig, ich hab mich in dieser Zeit völlig zuhause verkrochen, weil ich mir ausgehen etc. nicht mehr leisten konnte.
Auch wenn ich dann irgendwann während des Studiums einen bezahlten Job fand, und nach dem Studium meinen jetzigen, war ich lange Zeit finanziell sehr vorsichtig. Zum Beispiel hatte ich mich erst nach über einem Jahr im jetzigen Vollzeitjob überhaupt mit entsprechend großem finanziellen Polster auf Wohnungssuche gemacht, weil ich schlicht Angst hatte von heute auf morgen wieder jedes Einkommen verlieren zu können.

Nach dem Studium bekam ich zwei Monate lang Arbeitslosengeld, bis ich meinen jetzigen Job hatte, war aber nur ein Bruchteil der Mindestsicherung, offensichtlich bin ich kein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft. :fluchen:

Auswirkungen auf die Psyche: Da ich mir wegen meines Versicherungsschutzes lange Zeit nicht sicher war, bin ich trotz Depressionen nicht zum Arzt gegangen. In der Zeit ist bei mir einiges dauerhaft geschädigt worden.
Zuletzt geändert von Endura am Donnerstag 2. August 2018, 12:38, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Ninja Turtle » Donnerstag 2. August 2018, 12:28

Optimistin hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 11:43
Die Besuche beim Jobcenter waren demütigend und ich hab gejubelt, als ich Arbeit gefunden hatte,
Das fasst es ganz gut zusammen.
Immerhin hat mir das Amt meine Schweißerpässe bezahlt.
:kopfhoerer: :tanzen2: :umarmung2:

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Tania » Donnerstag 2. August 2018, 13:29

Optimistin hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 11:43
Ich habe schon von einigen gelesen, dass sie für länger von staatlicher Unterstützung leben (müssen) - das würde ich gerne besser verstehen, bei Vollbeschäftigung, vielen unbesetzten Lehrstellen, großem Stellenmarkt in den Zeitungen, online Börsen von monster.de bis XING, Umschulungsmaßnahmen, Frührente bei Krankheit etc.
Ich hab gestern mal nachgerechnet ... ich bin seit Februar 2012 nicht mehr Lohn- oder Gehaltsempfänger Staatliche Unterstützung in Form von Kindergeld und Unterhaltsvorschuss macht einen Großteil meines Einkommens aus.

In die Situation gekommen bin ich durch nahezu zeitgleiche Beendigung meines befristeten Arbeitsvertrages und meiner Ehe. Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern unter zehn Jahren ist man nicht gerade der Favorit von Personalern - erst recht nicht, wenn man die Zauberworte "Teilzeit" und "keine ungeplanten Überstunden, keine Reisen über Nacht" flüstert. Sogar die "Muttischicht" im Callcenter setzt Verfügbarkeit von 8-20:00 Uhr voraus. Egal ob man fließend Englisch spricht und jede technische Hotline im Tiefschlaf betreuen könnte. Jede Kinderbetreuungseinrichtung schließt spätestens 17:30 Uhr. Davon abgesehen haben Kinder auch ein paar andere Bedürfnisse, als abgeholt und ins Bett gesteckt zu werden. Und so ein Scheidungstrauma lässt sich auch nicht sonderlich gut auffangen, wenn die Kids plötzlich 10h am Tag in der Kita sitzen dürfen.

Inzwischen sind sie zwar groß genug, dass ich wieder Vollzeit arbeiten könnte. Theoretisch. Praktisch bin ich als Informatikerin nach 6 Jahren Pause ziemlich raus - und wüsste auch nicht, wie ich in meinen Alltag noch 10h Büro integrieren sollte. Die Leistungsfähigkeit ist eben nicht mehr so, dass ich um 17:00 fröhlich nach Hause kommen, dann Hausaufgaben betreuen, mütterliche Aufmerksamkeit streuen und noch ein bisschen Haus- und Gartenarbeit leisten könnte. Und würde ich für alles, was ich jetzt selbst erledige, jemanden einstellen, müsste ich auf mein perspektivisches Gehalt noch was drauflegen. Und trotzdem noch die Arbeiten koordinieren, kontrollieren, Fragen und Probleme klären ...

Was das für Auswirkungen hat? Neben der ständigen Über- und gleichzeitig Unterforderung (ja, das geht tatsächlich!) wären das
- mangelnde soziale Anerkennung
- fehlende Sozialkontakte
- chronischer Burn-out
- diverse "und dafür hab ich jetzt 7 Jahre studiert"-Gedanken
- Leben mit knappen Finanzen
- Unvermittelbarkeit als Lebensgefährtin - so viele "Altlasten" will sich keiner antun
- ständiger Zeitmangel - auch für solche Kleinigkeiten wie "Lebensfreude"

Komischerweise hab ich trotzdem nie den Wunsch gehabt, meine Kids zu verlassen und irgendwo frei und unabhängig meine steile wissenschaftliche Karriere fortzusetzen. Naja, die jährlichen Abende mit den alten Kollegen mit Fragen wie "was machst Du denn so .... oh, wie schade, Du bist doch echt gut, Du müsstest echt promovieren" tun schon weh. Aber was soll's - man muss Prioritäten setzen. Und so ganz schlecht bin ich in meinem "Job" ja auch nicht ;)

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Saraj » Donnerstag 2. August 2018, 13:35

Arbeitsagentur verhält sich fürchterlich unfreundlich und meiner Meinung nach auch oft menschenunwürdig, sobald es um Grundsicherung geht. Mich wollten sie zB zwingen, mich u.a. für irgendwelche Betonmischarbeiten zu bewerben, dabei bin ich krank und darf und kann sowas nicht annähernd. (Mein Kranksein hat mich übrigens auch in die Arbeitslosigkeit gebracht, aber das ist zu komplex und für das Öffentliche hier zu persönlich.) Stellenanzeigen wurden einem so hingeknallt, man durfte den Mund nicht aufmachen und wurde rückwärts zur Tür wieder rausgeschoben.
Fürchterlich freundlich sind sie dann plötzlich, wenn es nicht mehr ums Geld geht, sondern man nur ne allgemeine Berufsberatung will.

An meinem Selbstwertgefühl hat die Phase beim Amt nicht gekratzt, und auch die letzten zwei Jahre Arbeit mit Pommes nicht. Es macht eher noch stärker. Ich tue unter meinen Umständen alles, was in meinen Kräften liegt, und oft noch mehr als das. Darauf bin ich eher stolz als alles andere.
Das einzige, was wirklich schlimm ist, sind die finanziellen Sorgen und die Existenzängste in Bezug auf die Zukunft.

Was positiv ist: Man lernt, kreativ zu werden, um sich sein Glück mit nur ganz wenig zusammenbasteln zu können.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 2. August 2018, 14:17

Ich will mich zum Jobcenter lieber nicht äußern. Wer dort hin muss ist echt nicht zu beneiden. Du kannst ja nicht mal hingehen und übergangsweise Geld beantragen, weil durch kurzfristig mal arbeitslos bist, aber weißt in spätestens sechs Monaten hast du einen Job sicher. Nein, die erpressen dich lieber und drohen dir weniger oder gar kein Geld oder du machst was sie wollen :fluchen: Da geht es nur darum den einzigen quantifizierbaren Wert für den Erfolg einer Regierung zu drücken :wuetend:
Optimistin hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 12:13
Rein faktisch haben wir mit durchschnittlich 3,5% Arbeitslosenquote die 2% Grenze, ab der man per Definition von Vollbeschäftigung reden kann, noch nicht erreicht. Im europäischen Vergleich sind wir aber nahe dran.

Ich möchte hier keine Diskussion über Definitionen oder den deutschen Arbeitsmarkt an sich aufmachen - hier soll es um konkrete Menschen und ihre Erlebnisse gehen.
Genaugenommen gilt auch das zwei Prozent Ziel nicht mehr. Das wird nach Gusto geändert. Manche sagen sogar vier bis sechs Prozent gilt als Vollbeschäftigung. Unabhängig davon sind unsere "3,5 %" keine echte Marke. Die Definition von Arbeitssuchend ist so weit gefasst, dass selbst Leute die unentgeltlichen Maßnahmen stecken und somit keinen Beitrag zum BIP leisten und somit in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum Staat stehen, als nicht arbeitssuchend gelten. Die wahre Arbeitslosenquote liegt wohl eher bei fünf bis sechs Prozent.

Gut, wir wollten das ja nicht diskutieren.
Es ist möglich keine Fehler zu machen und trotzdem zu verlieren. Das ist keine Schwäche, das ist das Leben.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Endura » Donnerstag 2. August 2018, 14:21

Axolotl hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:17
Ich will mich zum Jobcenter lieber nicht äußern. Wer dort hin muss ist echt nicht zu beneiden. Du kannst ja nicht mal hingehen und übergangsweise Geld beantragen, weil durch kurzfristig mal arbeitslos bist, aber weißt in spätestens sechs Monaten hast du einen Job sicher.
Gibt es in Deutschland kein Arbeitslosengeld? :gruebel:
Meiner beschiedenen Erfahrung mit dem AMS (= österreichisches Jobcenter) sind die über nichts mehr froh, als jemanden der bereits eine fixe Zusage hat. Das einzige was ich damals nachwiesen musste, war dass ich mich wo bewerbe. No na ned, wenn ich auf Jobsuche bin.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Tania » Donnerstag 2. August 2018, 14:25

Axolotl hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:17
Ich will mich zum Jobcenter lieber nicht äußern. Wer dort hin muss ist echt nicht zu beneiden. Du kannst ja nicht mal hingehen und übergangsweise Geld beantragen, weil durch kurzfristig mal arbeitslos bist, aber weißt in spätestens sechs Monaten hast du einen Job sicher. Nein, die erpressen dich lieber und drohen dir weniger oder gar kein Geld oder du machst was sie wollen :fluchen:
Doch, das kannst Du beantragen. Du kannst Dich arbeitssuchend melden und Dich schon mal für den 1.12.2018 wieder abmelden. In der Zwischenzeit bist Du aber trotzdem verpflichtet, Dich aktiv um Arbeit zu bemühen und jede zumutbare Stelle anzunehmen. Einzig das Bemühen Deiner Sachbearbeiter, Dich in eine dreijährige Umschulung zu stecken, dürfte nachlassen ....

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Endura » Donnerstag 2. August 2018, 14:35

Tania hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:25
Doch, das kannst Du beantragen. Du kannst Dich arbeitssuchend melden und Dich schon mal für den 1.12.2018 wieder abmelden. In der Zwischenzeit bist Du aber trotzdem verpflichtet, Dich aktiv um Arbeit zu bemühen und jede zumutbare Stelle anzunehmen. Einzig das Bemühen Deiner Sachbearbeiter, Dich in eine dreijährige Umschulung zu stecken, dürfte nachlassen ....
Jede Stelle?
Ich kann mich noch an das Gespräch mit meinem Betreuer erinnern:
"Sorry, für ihre Qualifikation haben wir im Moment keine offene Stelle, da müssen Sie selbst suchen.
"Keine Sorge, das tue ich bereits."
Dann hat er mir noch viel Glück dabei gewunschen, und das wars.

Der Gang zum AMS war nur notwendig um die zwei Monate Arbeitslosengeldzu beziehen und kranken-versichert zu sein.
Im Kollegenkreis gab es mal eine Diskussion über die Erfahrungen beim AMS, keiner konnte von negativen berichten.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 2. August 2018, 14:37

Endura hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:21
Gibt es in Deutschland kein Arbeitslosengeld? :gruebel:
Meiner beschiedenen Erfahrung mit dem AMS (= österreichisches Jobcenter) sind die über nichts mehr froh, als jemanden der bereits eine fixe Zusage hat. Das einzige was ich damals nachwiesen musste, war dass ich mich wo bewerbe. No na ned, wenn ich auf Jobsuche bin.
Doch, gibt es. Aber wenn du was willst, musst du es nach deren Bedingungen wollen. Und einen Job in Aussicht zu haben, egal wie sicher, gilt nicht.
Tania hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:25
Doch, das kannst Du beantragen. Du kannst Dich arbeitssuchend melden und Dich schon mal für den 1.12.2018 wieder abmelden. In der Zwischenzeit bist Du aber trotzdem verpflichtet, Dich aktiv um Arbeit zu bemühen und jede zumutbare Stelle anzunehmen. Einzig das Bemühen Deiner Sachbearbeiter, Dich in eine dreijährige Umschulung zu stecken, dürfte nachlassen ....
Das ist doch das Problem. Wenn ich einen Job sicher habe, den aber aus nachvollziehbaren und belegbaren Gründen nicht sofort antreten kann, dann werde ich diesen doch nicht aufgeben nur weil das Jobcenter meint ich muss am besten gestern wieder aus der Statistik fliegen.
Es ist möglich keine Fehler zu machen und trotzdem zu verlieren. Das ist keine Schwäche, das ist das Leben.

Früher habe ich mich darüber geärgert, dass das Leben nicht fair ist. Dann habe ich erkannt, dass es noch viel schlimmer wäre, wenn das Leben fair wäre.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Endura » Donnerstag 2. August 2018, 14:45

Axolotl hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:37
Endura hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:21
Gibt es in Deutschland kein Arbeitslosengeld? :gruebel:
Meiner beschiedenen Erfahrung mit dem AMS (= österreichisches Jobcenter) sind die über nichts mehr froh, als jemanden der bereits eine fixe Zusage hat. Das einzige was ich damals nachwiesen musste, war dass ich mich wo bewerbe. No na ned, wenn ich auf Jobsuche bin.
Doch, gibt es. Aber wenn du was willst, musst du es nach deren Bedingungen wollen. Und einen Job in Aussicht zu haben, egal wie sicher, gilt nicht.
Wenn ich bereits einen unterschriebenen Vertrag habe, stellt mich wohl kaum einen andere Firma ein.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 2. August 2018, 14:48

Endura hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:45
Wenn ich bereits einen unterschriebenen Vertrag habe, stellt mich wohl kaum einen andere Firma ein.
Genau, wenn....aber wenn nicht, dann Arschkarte. Und das ist im öffentlichen Dienst eher selten der Fall.
Es ist möglich keine Fehler zu machen und trotzdem zu verlieren. Das ist keine Schwäche, das ist das Leben.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Tania » Donnerstag 2. August 2018, 14:51

Axolotl hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:37
Das ist doch das Problem. Wenn ich einen Job sicher habe, den aber aus nachvollziehbaren und belegbaren Gründen nicht sofort antreten kann, dann werde ich diesen doch nicht aufgeben nur weil das Jobcenter meint ich muss am besten gestern wieder aus der Statistik fliegen.
Dann ist es aber Dein persönlicher Luxus, wenn Du ausgerechnet diesen Job willst. Warum sollte der Steuerzahler den finanzieren?

Hartz4 ist eine Leistung, die Dir das Überleben sichern soll, bis Du wieder einen Job findest, von dem Du Leben kannst. Nicht bis Du den Job findest, von dem Du schon immer geträumt hast.

Übrigens darf man auch vom Amt vermittelte Stellen kündigen, wenn man einen anderen Job gefunden hat.

Mal als Gegenbeispiel: Schauspieler X hat jährlich 5 Monate ein Engagement bei den Karl-May-Festspielen sicher. Würdest Du ihm die restlichen 7 Monate Geld geben oder verlangen, dass er entweder so lange im Straßenwinterdienst arbeitet oder von seinen Ersparnissen lebt?

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 2. August 2018, 14:58

Tania hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:51
Dann ist es aber Dein persönlicher Luxus, wenn Du ausgerechnet diesen Job willst. Warum sollte der Steuerzahler den finanzieren?

Hartz4 ist eine Leistung, die Dir das Überleben sichern soll, bis Du wieder einen Job findest, von dem Du Leben kannst. Nicht bis Du den Job findest, von dem Du schon immer geträumt hast.

Übrigens darf man auch vom Amt vermittelte Stellen kündigen, wenn man einen anderen Job gefunden hat.
Ich habe ja nicht von mir gesprochen ;) Ich habe diese Probleme nicht.
Tania hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:51
Mal als Gegenbeispiel: Schauspieler X hat jährlich 5 Monate ein Engagement bei den Karl-May-Festspielen sicher. Würdest Du ihm die restlichen 7 Monate Geld geben oder verlangen, dass er entweder so lange im Straßenwinterdienst arbeitet oder von seinen Ersparnissen lebt?
Genau aus dem Grund brauchen wir eine Grundsicherung, damit der Staat einen nicht zu Zwangsarbeit verdonnern kann.
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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Endura » Donnerstag 2. August 2018, 14:59

Tania hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:51
Axolotl hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:37
Das ist doch das Problem. Wenn ich einen Job sicher habe, den aber aus nachvollziehbaren und belegbaren Gründen nicht sofort antreten kann, dann werde ich diesen doch nicht aufgeben nur weil das Jobcenter meint ich muss am besten gestern wieder aus der Statistik fliegen.
Dann ist es aber Dein persönlicher Luxus, wenn Du ausgerechnet diesen Job willst. Warum sollte der Steuerzahler den finanzieren?
Blöde Frage: Gibt es in Deutschland kein Arbeitslosengeld? :gruebel:
Hier ist das eine Versicherungsleistung, die man sich erarbeiten muss. Daher habe ich auch kein schlechtes Gewissen im Ernstfall Arbeitslosengeld zu beziehen, denn ich zahle ja schon jahrelang in die Versicherung ein.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Axolotl » Donnerstag 2. August 2018, 15:05

Endura hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:59
Blöde Frage: Gibt es in Deutschland kein Arbeitslosengeld? :gruebel:
Hier ist das eine Versicherungsleistung, die man sich erarbeiten muss. Daher habe ich auch kein schlechtes Gewissen im Ernstfall Arbeitslosengeld zu beziehen, denn ich zahle ja schon jahrelang in die Versicherung ein.
Habe doch gesagt, gibt es. Aber nicht jeder hat Anspruch darauf. Man muss gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllen. Die, die das nicht tun oder die länger arbeitslos sind als ihnen Arbeitslosengeld zusteht, müssen sich mit Hartz IV begnügen.
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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Tania » Donnerstag 2. August 2018, 15:06

Endura hat geschrieben:
Donnerstag 2. August 2018, 14:59
Blöde Frage: Gibt es in Deutschland kein Arbeitslosengeld? :gruebel:
Hier ist das eine Versicherungsleistung, die man sich erarbeiten muss. Daher habe ich auch kein schlechtes Gewissen im Ernstfall Arbeitslosengeld zu beziehen, denn ich zahle ja schon jahrelang in die Versicherung ein.
Das gibt es - je nach der Zeit, die man vorher gearbeitet hat, bis zu ein Jahr lang. Das ist eine andere Abteilung im Amt, die zwingen einen eigentlich zu nix. Nur die Termine sollte man einhalten und sich auf vorgeschlagene Stellen wenigstens bewerben.

Danach gibt es Hartz4. Das ist eine aus Steuergeldern finanziert Sozialleistung. Bezieher sind verpflichtet, jede ihnen mögliche Chance zu nutzen, wieder in Arbeit zu kommen.

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Re: Grundsicherung - eine Frage an Bezieher

Beitrag von Simonetta » Donnerstag 2. August 2018, 15:14

Ich habe sehr lange von der Grundsicherung gelebt, bekomme jetzt noch - geringe - aufstockende Leistungen.

Bei mir war es so, dass ich damals in meiner Jugend (die sehr traumatisch war, ich wollte nur schnell von zu Hause raus) in einen Beruf gezwungen wurde, der einfach nicht zu mir passte. Die Arbeit lähmte mich, löste früher oder später Depressionen aus, immer wieder kam es zu Mobbing und dann zu Jobwechseln, Kündigungen etc., bis es irgendwann gar nicht mehr ging.

Im Laufe der Jahre hatte ich des öfteren Umschulungen beantragt, aber es war sehr schwer, weil ich ja "einen Beruf hatte". Allerdings muss ich auch sagen, dass es damals nichts gab, was mich brennend interessiert hätte (zumindest nichts, was realistisch gewesen wäre), ich war mir nicht so ganz sicher, was ich wirklich wollte und was mir lag. Wenn dem so gewesen wäre und ich mehr gekämpft hätte, hätte ich vielleicht eher eine Umschulung bekommen.

Ich machte dann noch während meiner letzten Tätigkeit und danach während meiner Arbeitslosigkeit intensiv Weiterbildungen, in der Hoffnung, auch in meinem ursprünglichen Beruf irgendwie noch die Kurve zu bekommen, aber letztendlich habe ich trotz all dieser Weiterbildungen und trotz hunderten von Bewerbungen und Bemühungen nie mehr eine richtige Stelle gefunden - nur Tätigkeiten auf Honorarbasis. Im Nachhinein glaube ich aber fast, dass das so besser war, denn es wäre schließlich immer noch der alte Beruf gewesen, nur etwas qualifizierter.

Ich habe es dann viele Jahre so hingenommen, habe Grundsicherung bezogen und mir mit etlichen Tätigkeiten, die mir Freude machten, etwas dazuverdient oder auch ehrenamtlich gearbeitet. Mir ging es so zumindest wesentlich besser als es mir früher mit meinem ungeliebten Beruf gegangen war.

Im Laufe der Jahre hat sich dann herauskristallisiert, was wirklich mein Beruf und meine Berufung ist - und die liegt absolut im sozialen Bereich. Nun arbeite ich Teilzeit und habe endlich eine Tätigkeit, in der ich erfolgreich bin, die mir Freude macht und die mich nicht herunterzieht - ganz im Gegenteil.
Ich habe eine Weiterbildung gemacht, aber um in Vollzeit arbeiten zu können fehlt mir eine richtige Ausbildung. Nunja, ich hoffe sehr, dass sich da noch ein Weg auftut, auch als Quereinsteiger Fuß zu fassen, bin zur Zeit schwer dabei, mich zu informieren.

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