Pflege von Angehörigen

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Reinhard
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Re: "noch zu Hause wohnen" - wirklich ein KO-Kriterium?

Beitrag von Reinhard » Donnerstag 11. Juli 2019, 20:31

Mit müden Augen hat geschrieben:
Donnerstag 11. Juli 2019, 20:23
Ich bin schlussendlich auch nur eine Last für die Gesellschaft.

Sieh dich bitte nicht als "nur eine Last". :umarmung2:
Mag ja sein, dass jeder seines Glückes Schmied ist.

Aber dabei sollte nicht vergessen werden, dass manche von Haus aus eine komplette Werkstatt mitbekommen, und andere nur einen Hammer und nicht mal einen Amboss.

Wer will findet sucht Wege; wer nicht will findet Gründe erfindet Ausflüchte.

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Re: "noch zu Hause wohnen" - wirklich ein KO-Kriterium?

Beitrag von Hathor » Donnerstag 11. Juli 2019, 22:19

Mit müden Augen hat geschrieben:
Donnerstag 11. Juli 2019, 20:23
Ist ja nicht so dass ich mich damit nicht schon beschäftigt hätte. Ich bin schlussendlich auch nur eine Last für die Gesellschaft.[/size]
Waaaaaas? :omg: :umarmung2:
Ich bin jetzt genau im richtigen Alter! :flirten:
Ich muss nur noch 'rauskriegen, für was ...

Nur weil sich etwas nicht bewegt, heißt es nicht, dass es tot ist.

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von Onkel ABobert » Montag 15. Juli 2019, 14:34

Mein Großonkel war zeitlebens Sportschütze und hatte mehrere scharfe Waffen nebst Munition in seiner Wohnung (natürlich ordnungsgemäß gesichert in einem Stahlschrank). Jahrzehntelang hörte man von ihm immer wieder die Aussage, dass er rechtzeitig "Schluss machen" würde, bevor er zum Pflegefall wird. Das klang immer vollkommen überzeugend, ich habe ihm das wirklich so geglaubt.

Wie war dann die Realität? Er erlitt mit 78 Jahren unverhofft und ohne jede Vorankündigung einen Schlaganfall. Er wurde gefunden, kam erst ins Krankenhaus, dann in eine Reha und von dort direkt in ein Pflegeheim. Er war halbseitig gelähmt, hatte (das war das schlimmste) seine Sprache komplett verloren und verbrachte dann noch fast 10 lange Jahre im Rollstuhl sitzend im Pflegeheim, ohne Sprache, mit 1-2 Besuchen monatlich und ansonsten nur dem Fernseher.

Er wäre bei dem Schlaganfall aus eigener Kraft nicht einmal in die Nähe seiner Waffen gekommen, außerdem weiß man ja in diesem Moment nicht, was genau los ist und wie es ausgeht. Er hätte ja auch wieder komplett gesund werden können.

Ich hatte selber mit 45 Jahren einen Schlaganfall, von dem ich mich gottlob zu 90% wieder erholt habe, so dass man mir heute im Alltag nichts anmerkt. Mir wurde nachts schwindelig und ich bin am nächsten Morgen in Unwissenheit der ernsten Lage noch selber mit dem Auto zum Arzt gefahren. Der hat dann sofort den Notarzt gerufen. Bis es klar war, daß ich auf die stroke unit gehöre, vergingen noch einmal 2-3 Stunden. In all dieser Zeit ging es mir bis auf den Schwindel nicht schlecht und ich wäre gar nicht darauf gekommen, daß es ernst ist. Das kam erst ein paar Stunden später, dann aber umso heftiger.

Will sagen: selbst, wenn man entschlossen ist, im Falle eines Falles eine Selbsttötung durchzuziehen, ist es nicht gesagt, dass man das auch kann.
Es grüßt euch

Onkel ABobert

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von Tania » Montag 15. Juli 2019, 14:42

Onkel ABobert hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 14:34
Er wäre bei dem Schlaganfall aus eigener Kraft nicht einmal in die Nähe seiner Waffen gekommen, außerdem weiß man ja in diesem Moment nicht, was genau los ist und wie es ausgeht. Er hätte ja auch wieder komplett gesund werden können.
Wie war denn seine Einstellung zu dem Thema NACH dem Schlaganfall?

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von Onkel ABobert » Montag 15. Juli 2019, 15:04

Tania hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 14:42
Onkel ABobert hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 14:34
Er wäre bei dem Schlaganfall aus eigener Kraft nicht einmal in die Nähe seiner Waffen gekommen, außerdem weiß man ja in diesem Moment nicht, was genau los ist und wie es ausgeht. Er hätte ja auch wieder komplett gesund werden können.
Wie war denn seine Einstellung zu dem Thema NACH dem Schlaganfall?
Das wirklich Schlimme war der Sprachverlust. Er konnte sich eigentlich gar nicht mehr wirklich mitteilen, schreiben konnte er auch fast nichts mehr. Wenn wir ihn einmal im Monat besuchten (das Heim war rund 3 Stunden Autofahrt entfernt, öfter war nicht drin), dann haben wir Kaffee und Kuchen mitgebracht, ihm alles mögliche erzählt und auf Reaktionen seinerseits gehofft. Viel mehr als Kopfschütteln für ja oder nein kam da aber nicht und mit den Jahren wurde auch das immer spärlicher. Die letzten 4-5 Jahre war er recht teilnahmslos. Er hat uns definitiv erkannt und sich gefreut, uns zu sehen. Aber mehr war da nicht mehr. Er hat den Kuchen gegessen und den Kaffee getrunken und mit ganz viel gutem Willen konnte man aus seinem Gesicht mal eine kleine Reaktion ablesen.

Lebensmut hatte er keinen mehr. Ich habe ihn natürlich niemals direkt gefragt, ob er sich in seiner Situation jetzt erschießen würde. Ich glaube aber, er hätte es gerne getan, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte.
Es grüßt euch

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von NeC » Montag 15. Juli 2019, 15:59

Puh.
Dieser Thread hat sich ja zu einem ähnlich harten Brocken entwickelt wie der Liebeskummer-Thread damals. Ich habe gerade die Beiträge der letzten ca. eineinhalb Wochen gelesen und bin gerührt, tief bewegt und habe einen Kloß im Hals. Diese vielen Schicksale ... Auch meine Hochachtung vor allen Mitschreibern hier, die Gesellschaft, Ansprache, Pflege und Abschied durchstehen, gerade wenn die einstmals geliebten und geschätzten Mitmenschen irgendwann nicht mehr ganz sie selbst sind. Ich habe im letzten halben Jahr einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie sich das konkret anfühlen kann. Ihr könnt zurecht Stolz auf das sein, was ihr geleistet habt!

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von Lilia » Montag 15. Juli 2019, 19:09

Onkel ABobert hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 14:34
Er war halbseitig gelähmt, hatte (das war das schlimmste) seine Sprache komplett verloren und verbrachte dann noch fast 10 lange Jahre im Rollstuhl sitzend im Pflegeheim, ohne Sprache, mit 1-2 Besuchen monatlich und ansonsten nur dem Fernseher.
Er hatte so massive Sprach- , aber keinerlei Schluckstörungen? :gruebel:

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von Tania » Montag 15. Juli 2019, 20:20

Onkel ABobert hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 14:34
Will sagen: selbst, wenn man entschlossen ist, im Falle eines Falles eine Selbsttötung durchzuziehen, ist es nicht gesagt, dass man das auch kann.
Ja, das ist das Hauptproblem. Und ich möchte nicht eines Tages meine Kinder und Enkel bitten, mich umzubringen. Das ist ne riesige Belastung für die - egal wie sie antworten.

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Re: Pflege von Angehörigen

Beitrag von Onkel ABobert » Dienstag 16. Juli 2019, 08:42

Lilia hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 19:09
Onkel ABobert hat geschrieben:
Montag 15. Juli 2019, 14:34
Er war halbseitig gelähmt, hatte (das war das schlimmste) seine Sprache komplett verloren und verbrachte dann noch fast 10 lange Jahre im Rollstuhl sitzend im Pflegeheim, ohne Sprache, mit 1-2 Besuchen monatlich und ansonsten nur dem Fernseher.
Er hatte so massive Sprach- , aber keinerlei Schluckstörungen? :gruebel:
Ja.
Anfänglich konnte er noch leise undeutlich ein paar einzelne Worte flüstern, später auch das nicht mehr. Der Schlaganfall hatte eine Körperhälfte gelähmt und das Sprachzentrum erwischt.
Es grüßt euch

Onkel ABobert

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